Zwei Wegbereiter:innen, ein gemeinsamer Abend: Sanchita Basu & Lucía Muriel bei I.S.I. e.V.









In den Räumen von I.S.I. e. V. kamen Sanchita Basu und Lucía Muriel mit Familie, Freund:innen und langjährigen Mitstreiter:innen zusammen, um ihren 70. bzw. 73. Geburtstag zu begehen. Ein Fest voller Leichtigkeit und zugleich ein Abend, der sichtbar machte, was Berlin seit Jahrzehnten trägt: selbstorganisierte Räume, politische Bildung und solidarische Netzwerke, in denen Perspektiven von People of Colour und migrantisierten Communities im Mittelpunkt stehen.
Ein Abend, der nachwirkt
Manche Abende erzählen mehr über eine Stadt als jede Statistik. In unseren I.S.I. Räumen wurde spürbar, wie sehr Berlin von Menschen lebt, die über Jahrzehnte Beziehungen, Räume und Strukturen aufgebaut haben: mit Ausdauer, Klarheit und einer Praxis, die nicht leiser wird, wenn es unbequem wird.
Der Abend hatte genau die Mischung, die bleibt: liebevoll vorbereitetes Essen von einem Cateringservice einer türkischstämmigen Köchin, Musik und Tanz, viele Umarmungen, kurze Reden und lange Gespräche, mal leicht, mal tief, immer zugewandt.
Zu Gast, um beide zu feiern:
- Olenka Bordo Benavides, Leiterin der Anlauf- und Fachstelle für Diskriminierungsschutz an Schulen und Kitas in Friedrichshain-Kreuzberg. Zu den Angeboten der Anlauf- und Fachstelle gehören Beratung und Begleitung von Diskriminierungs- und Rassismuserfahrenen sowie die Qualifizierung des pädagogischen Personals in Bildungseinrichtungen des Bezirks.
- Dodo, Autorin und Aktivist*in für Klimagerechtigkeit
- Dr. Dolly Conto de Knoll, Gründerin und Vorsitzende des Vereins „Casa de las culturas latinoamericanas“ Berlin
- Maria Macher, Leiterin des Projektes Stadtteilmütter Neukölln beim Diakoniewerk Simeon
- Mallika Basu, Koordinatorin im Migrantionsrat e.V., Schwerpunkte: Wahlrecht für Alle, Einbürgerungsreform
- Selbständige Frauen als Architektinnen, Consultants, Psychologinnen,
- Dr. Rocío Vera-Santos, Autorin mehrerer wissenschaftlicher Studien, Gastprofessorin für Sozialarbeit mit den Schwerpunkten Soziologie, Diversität und Qualitative Methoden im Lateinamerikainstitut.
- Marita Orbegoso: Gründerin von Mamis en movimiento e.V., Koordination diverser Projekte in migrArte Peru e.v., setzt sich für ein Recht auf die eigene Muttersprache in der Kindheit ein.
- Shahla Payam, Vorstandsmitglied von ISI e.V.
Sanchita Basu und Lucía Muriel stehen, jede auf ihre Weise, für einen prägenden Teil der Berliner Migrations und Bewegungsgeschichte der letzten Jahrzehnte: für das Wissen, dass Zugehörigkeit nicht „gewährt“ wird, sondern im Alltag hergestellt werden muss, durch community übergreifende Solidarität, Schutzräume, Bildung, Bündnisse und gegenseitige Verantwortung. Und für die Selbstverständlichkeit, dass Perspektiven von People of Colour in Beratung, politischer Bildung und öffentlicher Debatte Ausgangspunkt sind und nicht nur Fußnote.
Sanchita Basu
Sanchita Basu ist Mitbegründer:in von ReachOut und arbeitet seit 2001 im Projekt. Ihre Schwerpunkte liegen in der Bildungsarbeit, die sie über viele Jahre konzipiert, aufgebaut und weiterentwickelt hat. Ein zentraler Fokus ihres Wirkens ist die Frage, wie institutionelle Verantwortung in Bildungseinrichtungen konkret wird.
Neben der Bildungsarbeit berät sie bei ReachOut Kinder ab 12 Jahren, Jugendliche sowie deren Eltern, mit besonderem Fokus auf rassistisches Mobbing in Bildungseinrichtungen und die Frage, wie Betroffene Schutz, Handlungsspielräume und Unterstützungssysteme erhalten.
Als Geschäftsführerin des Trägervereins ARIBA e. V. verantwortete sie u. a. die Projekte ReachOut, OPRA und PowerMe. Darüber hinaus engagiert sie sich im Bündnis gegen Rassismus und hält den engen Kontakt zu Migrant:innen Selbstorganisationen, also zu jenen Strukturen, ohne die nachhaltige politische Bildungs- und Beratungsarbeit in dieser Stadt nicht denkbar ist.
Lucía Muriel
Lucía Muriel ist Psychotherapeutin mit Schwerpunkten u. a. in Rassismus, Ausgrenzungs- und Migrationserfahrungen. Außerdem arbeitet sie als Supervisor:in, Prozessbegleiter:in und Bildungsreferent:in zu Macht und Rassismuskritik, kolonialen Kontinuitäten, Migration und Klimagerechtigkeit. Sie engagiert sich in der antirassistischen und dekolonialen Bildungsarbeit, hält Vorträge und Workshops und hat die Gründung mehrerer migrantischer Organisationen und Verbände mitinitiiert.
Dass diese Feier bei I.S.I. e.V. stattfand, war mehr als eine „Location Frage“: Lucía Muriel ist Vorständ:in von I.S.I. e. V., Mitgründer:in des Vereins und begleitet ihn seit den Anfängen.
Auf den Punkt: Nachgefragt bei Lucía Muriel
Dieser Abend war Rückblick und Gegenwart zugleich und vor allem zeigte er, wie viel Zukunft in gelebter Verantwortung und solidarischen Räumen steckt. Im Anschluss haben wir Lucía Muriel einige kurze Fragen gestellt.
Ihr habt diesen Abend gemeinsam begangen: Was bedeutet es dir, ihn mit Sanchita Basu zu teilen, und wo berühren sich eure Wege in Bildungs- und Community Arbeit?
L.M.: Sanchita Basu und ich kennen uns seit den ersten Jahren unserer beruflichen Tätigkeit. Wir haben uns an der Technischen Universität am Fachbereich Soziologie kennen gelernt, wo einige migrantische junge Akademiker*innen eine Plattform zur Befassung zu Themen des Verhältnisses des Globalen nordens zum Globalen Süden gründeten und entwickelten. Wir beide waren sehr jung aber uns verbanden von Anfang an machtkritische Perspektiven auf Eurozentrismus und andere wissenschaftliche Themen. Dieser Nexus verbindet uns bis heute.
Deine und Sanchitas Arbeit stehen für langfristigen Strukturaufbau. Was hilft Initiativen heute, Ausdauer zu entwickeln, gerade unter Zeitdruck, Projektlogiken und Beschleunigung?
L.M.: Diasporische und migrantische Strukturen müssen immer klar definieren, in welche Richtung sie sich aufstellen wollen. Die Stärkung politischer Teilhabe von marginalisierten Menschen muss im Mittelpunkt stehen. Und eine professionelle, institutionelle Ausrichtung hilft sehr, sich zu behaupten.
Blick auf 35 Jahre migrantische Berliner Geschichte: I.S.I. ist seit der Wiedervereinigung gewachsen und stärkt Selbständigkeit und Selbstbestimmung für Migrant:innen. Was wünschst du dem Verein mit Blick auf die Jubiläumsfeier in diesem Jahr?
L.M.: Seit langem steht uns eine offizielle Anerkennung der wertvollen Beiträge zu, die ISI mit ihren Maßnahmen zur wirtschaftlichen Teilhabe migrantisierter Frauen geleistet hat.
PoC Perspektiven sind im gegenwärtigen Diskurs präsenter, aber Präsenz allein reicht nicht. Was braucht es, damit sich das in Entscheidungen, Ressourcen und Schutz im Alltag übersetzt?
L.M.: PoC Perspektiven sind vor allem vielfältig. Und diese Vielfalt muss sich widerspiegeln in allen Strukturen, Gremien und in den Diskursen, vor allem dann wenn es um die Gestaltung des Zusammenlebens in Berlin geht.
Du arbeitest u. a. zu Trauma, Migration und Ausgrenzung: Welche Form von Fürsorge wird in Aktivismus und Bildungsarbeit oft unterschätzt und was hilft, langfristig handlungsfähig zu bleiben?
L.M.: Die größte Quelle heilender Effekte entstehen in den Care-Strukturen der Communities und innerhalb des Empowerments. Burnout oder andere Erschöpfungszustände müssen wir ernst nehmen und kollektive Angebote für Care und Repair installieren.
Was gibt dir persönlich Energie: Musik, Tanz, Familie, Humor, Ruhe? Und was hat heute Abend davon besonders geleuchtet?
L.M.: Alles, was du schon erwähnst. Ich würde hinzufügen: in Verbindung bleiben mit der Community. Diese Verbindung und Empowerment sind existentiell. Das wundervolle an dem heutigen Abend ist, dass es gelungen ist, herzlich und wertschätzend zusammen zu kommen. Humor ist für mich eines der wichtigsten „Gewürze“.

